Ist Unerzogen gleich Ungezogen?


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Das Wort „unerzogen“ hat für viele einen negativen Beigeschmack. Es taucht sofort der Gedanke eines Kindes auf, das sich nicht an Regeln hält, das keine sozialen Fähigkeiten besitzt, das niemals tut, was die Eltern ihm sagen und mit allen Mitteln versucht, die Eltern in den Wahnsinn zu treiben. Unerzogene Kinder werden ungezogene Rotzlöffel, denn erst die Erziehung macht Kinder zu sozialen Wesen, oder? Kinder müssen durch Strenge und Konsequenz lernen, wie man sich richtig benimmt, dass „man“ Essen nicht auf den Boden wirft und wie respektvoller Umgang geht. In diesem Artikel werde ich veranschaulichen, wieso im Grunde genommen genau das Gegenteil der Fall ist und wieso wir unserem Kind ein Geschenk machen, wenn wir auf herkömmliche Erziehung verzichten.

Erziehungsmaßnahmen schaden der Beziehung

Um die Probleme und Folgeerscheinungen von Erziehung zu verstehen müssen wir vorerst aufschlüsseln, was Erziehung eigentlich bedeutet und welches Ziel Erziehung verfolgt. Will man eine Definition erstellen, so könnte die in etwa so lauten: „Erziehung bedeutet die aktive Beeinflussung von Verhalten und der Persönlichkeit, in eine Richtung, die der Erziehende für richtig hält, meist durch Bestärken von erwünschten und Unterbinden von unerwünschten Verhaltensweisen.“

Erziehung hat immer das Verhalten im Fokus. Es läuft also darauf hinaus, dass die Eltern entscheiden, wie sich das Kind verhalten soll und durch bestimmte Erziehungsmaßnahmen wird das Kind dahingehend geformt. In vielen Erziehungsratgebern (die meisten davon veraltet) liest man dazu Strategien im Sinne der Konditionierung, wie beispielsweise Belohnungs- und Bestrafungssysteme, Erpressungen und Druckausübung. Es sind Sätze wie: „Wenn du nicht aufräumst gibt es auch kein Eis“, „wenn du das Gemüse isst, darfst du noch Fernseh schauen“ oder „du darfst nur raus zum Spielen, wenn du vorher die Spülmaschine ausräumst“. Zugegebenermaßen sind das Maßnahmen, die funktionieren. Wir haben Macht über unsere Kinder. Ein Kind, das gerne ein Eis essen möchte wird aufräumen und ein Kind, das unbedingt mit seinen Freunden draußen spielen möchte wird die Spülmaschine ausräumen. Das klingt vorerst verlockend, doch welchen Preis zahlen wir dafür? Wieso dürfen wir uns bemühen, auf erzieherische Maßnahmen zu verzichten, wenn sie doch so wunderbar funktionieren? Diese Fragen sind leicht zu beantworten: Versuchen wir auf eine derart manipulative Art das Verhalten eines anderen Menschen zu verändern, so schaden wir gleichzeitig der Beziehung.

Kinder sind von Grund auf soziale Wesen

Kinder sind soziale Wesen und haben keinerlei Interesse daran, asoziale Verhaltensweisen zu zeigen. Wenn wir Kinder in ihrer Entwicklung begleiten, ohne sie formen zu wollen und sie akzeptieren und respektieren wie sie sind, so werden sie ganz automatisch zu Menschen, die emphatisch mit anderen umgehen und deren Grenzen wahren. Kinder tragen die sozialen Charaktereigenschaften von Grund auf in sich und das Verhalten muss nicht dahingehend geformt werden.

Wenn ein Kind als Erziehungsmaßnahme einen Klaps auf den Po bekommt, weil es beispielsweise seinem kleinen Bruder ein Spielzeug weggenommen hat, so lernt dieses Kind, dass Gewalt eine adäquate Reaktion auf unerwünschtes Verhalten ist. Wenn wir das Verhalten, in diesem Fall das Wegnehmen, hinterfragen und versuchen, die Bewegründe zu verstehen, mit Verständnis reagieren und Alternativen aufzeigen, so lernt dieses Kind, dass es unabhängig von seinem Verhalten wertvoll ist, dass es immer verstanden wird und im besten Fall weiß es nach einem Gespräch, wie es beim nächsten Mal seinen Ärger auf gewaltfreie Art kundtun kann.

Wirft ein Kind Essen auf den Boden, so wird oft als Erziehungsmaßnahme das Essen weggenommen oder mit einer anderen Bestrafung gedroht. Was könnte das beim Kind auslösen? Glaubenssätze wie „ich verdiene Strafe“ oder „ich bin nicht gut genug“ können sich manifestieren. Erkennen wir jedoch, dass das Kind am Gespräch beteiligt sein möchte und es noch nicht weiß, wie es das ausdrücken kann, kommen wir wohl kaum auf die Idee das Kind zu bestrafen.

Unerzogen bedeutet nicht, dass das Kind nur macht, was es möchte

Um Beziehungen auf Augenhöhe zu führen, dürfen wir also auf Erziehung verzichten. Viele meinen, dass das Kind dann macht was es möchte, ohne irgendwo Grenzen zu erfahren. Auch das wäre natürlich keine zugewandte Form der Begleitung, die die Entwicklung des Kindes positiv begünstigt, denn Kinder brauchen auch Führung und Orientierung. Der Begriff „unerzogen“ meint vielmehr, auf starre Regeln zu verzichten und der Situation entsprechend zu entscheiden. Die Bedürfnisse aller Beteiligten abzuwägen und danach authentisch zu handeln. Gefühle zuzulassen anstatt sie unseren Kindern abzusprechen. Keine Gegenleistungen zu verlangen und keine Erwartungen zu haben. Die Bedürfnisse unseres Gegenüber, mag das nun das Kind oder unser:e Partner:in sein, zu erkennen und respektvoll mit dessen Grenzen umzugehen.

Es bedeutet, dass wir uns frei machen, von gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und von Methoden, die nach einem Schema angewandt werden.

Kinder brauchen, dass wir sie bedingungslos lieben

Um Urvertrauen und ein positives Selbstbild aufzubauen brauchen unsere Kinder, dass wir sie bedingungslos lieben. Bedingungslose Liebe bedeutet, dass die Liebe, die unsere Kinder spüren nicht von ihrem Verhalten abhängig ist und dass diese Liebe genauso beständig ist, wenn unerwünschtes Verhalten gezeigt wird. Das können erzieherische Maßnahmen nicht gewährleisten, weil sie immer aufs Verhalten abzielen und das Kind nach eben diesem bewerten und als Folge davon in eine Form zwängen. Kinder fühlen sich auf ihr Verhalten reduziert und nur angenommen, wenn sie „brav“ und angepasst sind. Folglich sind die Ziele vom Verzicht auf Erziehungsmaßnahmen, dass das Kind lernt persönliche Grenzen anderer einzuhalten, anderen gegenüber empathisch entgegenzutreten und für sich selbst und die eigenen Grenzen einzustehen.

Unsere Haltung ist entscheidend

Was bedeutet das nun für den Alltag? Dürfen wir nur noch in engelsgleichem Singsang mit unseren Kindern sprechen, nichts mehr unterbinden und niemals schimpfen? Das wäre unmöglich und wenig authentisch. Es geht vielmehr um die Art der Kommunikation und unsere Haltung. Um uns von Erziehung frei zu machen ist es im ersten Schritt unumgänglich, dass wir Kinder als kompetente und soziale Wesen wahrnehmen, die ihren Bedürfnissen entsprechend handeln. Kinder sind keine kleinen Tyrannen, sondern wollen harmonisch mit uns gemeinsam leben und zum Wohle der Gemeinschaft beitragen. Wenn wir auf die manipulative Erziehung verzichten wollen, dann ist es wichtig, die Bedürfnisse hinter dem Handeln und Verhalten unseres Kindes zu sehen. Ein hauendes Kind hat womöglich gerade ein unerfülltes Bedürfnis nach Nähe und Bindung und kann dies noch nicht anders zeigen. Ein Kind, das mit einem Wutanfall reagiert, wenn der Fernseher ausgemacht wird, möchte womöglich selbst entscheiden und das Bedürfnis nach Autonomie ist momentan unerfüllt. Wenn wir also das Bedürfnis hinter dem Verhalten des Kindes herausfinden, so wird es uns leichter fallen auf die bekannten und gängigen Erziehungsmethoden zu verzichten. Vielmehr werden wir gar nicht mehr auf die Idee kommen, das Verhalten des Kindes manipulativ zu verändern sondern gewillt sein eine Lösung zu finden, bei der alle Beteiligten gesehen werden.

Muss jedes Bedürfnis erfüllt werden?

Natürlich geht es nicht darum jedes Bedürfnis zu erfüllen. Dann wäre unser eigenes Leben wohl hauptsächlich fremdbestimmt. Es liegt in unserer Verantwortung, alle Bedürfnisse zu bedenken und abzuwägen, welches momentan vorrangig erfüllt werden muss. Ist es das Bedürfnis des Kindes nach Nähe, für das ich mein eigenes Bedürfnis nach Ruhe hinten anstellen kann? Ist das Bedürfnis nach Autonomie momentan sehr dringend zu erfüllen oder ist mein eigenes Bedürfnis (nach Pünktlichkeit/Gesundheit/oder ähnliches) größer, sodass mein Kind hier „zurücksteckt“? Es gibt hier kein richtig und kein falsch. Jede Situation verlangt individuelle Entscheidungen. Wenn ich heute Ruhe beim Essen brauche, weil ich müde bin oder Kopfschmerzen habe, kann ich vielleicht morgen ein Topfkonzert aushalten, weil ich ausgeschlafen bin.

Frust, Trauer und Wut möchten begleitet werden

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass Kinder auf das nicht Erfüllen ihrer Bedürfnisse mit einer Bandbreite an Gefühlen und Gefühlsstürmen reagieren können. Diese Gefühle dürfen wir akzeptieren, annehmen und begleiten, anstatt sie dem Kind abzusprechen oder das Kind von den Gefühlen abzulenken. So lernen Kinder, dass alle Gefühle in Ordnung sind und wie sie die Gefühlsausbrüche selbst und adäquat regulieren können. Das Begleiten der Gefühle ist ein eigenes und großes Thema und verdient einen eigenen Artikel (Fortsetzung folgt...)


Textverfasserin: Gastautorin Sonja @vonliebeundkinderherzen


Hi, ich bin Sonja,

Mama eines 2 jährigen Sohnes. Ich habe die Vision, möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, dass wir großen Frieden stiften können, indem wir unsere Kinder friedvoll begleiten und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Schenken wir unseren Kindern ein harmonisches Miteinander und Beziehungen, durch die sie gestärkt werden.


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Deine Sonja



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